Auflösung zum 6. Märchenrätsel


Vor vielen, vielen Jahren, da lebte eine Witwe, die hatte zwei Töchter. Die eine Tochter war schön und fleißig, die andere aber faul und hässlich. Doch die Frau hatte die hässliche Tochter viel lieber, weil die schöne nur ihre Stieftochter war. Deshalb musste das arme Mädchen schwer arbeiten und alle Arbeiten im Haus verrichten. Die Stiefmutter befahl ihr außerdem, sich jeden Tag an den

Brunnen auf der Straße zu setzen und so lange zu spinnen, bis ihr die Finger bluteten. Nun geschah es, dass einmal die Spule selbst ganz blutig davon geworden war. Das Mädchen nahm sie und wollte

sie im Brunnenwasser abwaschen, da fiel die Spule ins Wasser und versank in der Tiefe. Das arme Mädchen weinte bitterlich, lief zu der Stiefmutter und erzählte ihr von ihrem Unglück. Die Stiefmutter schimpfte und entschied unbarmherzig: „Wenn du die Spule herunterfallen lassen hast,

so hole sie auch wieder heraus!“

Da ging das Mädchen zu dem Brunnen zurück und wusste nicht, was sie tun sollte. In ihrer Angst sprang sie in den Brunnen. Sie verlor das Bewusstsein und als sie erwachte, da war sie auf einer schönen Wiese mit tausenden von Blumen. Über diese Wiese ging sie und kam an einen Backofen, der war voller Brote, die riefen: „Zieh uns heraus, zieh uns heraus, sonst verbrennen wir. Wir sind schon längst ausgebacken!“ Da holte sie einen Brotschieber und zog alle Brote nacheinander aus dem Ofen. Dann ging sie weiter und kam an einen einem Baum, der rief: „Ach, schüttele mich, schüttele mich, meine Äpfel sind

allesamt reif!“ Da schüttelte sie den Baum, bis alle Äpfel heruntergefallen waren, legte sie zu einem großen Haufen zusammen und ging weiter. Schließlich erreichte sie ein kleines Häuschen, an dessen Fenster eine Frau saß und freundlich schaute. Weil sie aber so große Zähne hatte, ängstigte sich das Mädchen vor ihr und wollte fortlaufen. Die alte Frau rief ihr zu: „Was fürchtest du dich, liebes Kind? Bleibe bei mir, und wenn du alle Arbeit im Haus ordentlich verrichtest, soll es dir gut gehen. Du musst nur achtgeben, dass du mein Bett gut machst und es kräftig schüttelst. Dann schneit es auf der Welt, denn ich bin die Frau Holle.“

Weil die alte Frau so freundlich sprach, fasste sich das Mädchen ein Herz und willigte ein. Es verrichtete alle Hausarbeiten zur Zufriedenheit der Frau Holle und schüttelte auch die Betten immer so gründlich aus, dass die Federn wie Schneeflocken herumflogen. Dafür hatte das Mädchen ein gutes Leben bei der Frau Holle.

Doch eines Tages wurde sie traurig und merkte schließlich, dass sie schreckliches Heimweh hatte. Da ging sie zu Frau Holle und sagte: „Liebe Frau Holle, ich habe so Sehnsucht nach den Meinigen, und wenn es mir auch so gut bei Ihnen geht, so kann ich nicht länger bleiben.“

Frau Holle lächelte und erwiderte: „Es macht mich traurig, dass du gehen willst, aber ich verstehe, dass du dich nach deinem Zuhause sehnst. Weil du mir so treu gedient hast, so will ich dich selbst hinaufbringen.“


Sie nahm das Mädchen bei der Hand und führte es vor ein großes Tor. Das Tor öffnete sich und als Mädchen darunter stand, regnete es Gold und alles Gold blieb an ihr hängen, so dass es über und über davon bedeckt war.

„Das sollst du haben, weil du so fleißig gewesen bist!“, sagte Frau Holle lächelnd und gab ihr ihre Spule wieder, die ihr in den Brunnengefallen war. Dann wurde das Tor verschlossen, das Mädchen war wieder auf der Welt und als sie ihren Hof betrat, saß der Hahn auf dem Tor und rief:

„Kikeriki,

unsere goldene Jungfrau ist wieder hie‘!“

Sie lief zu ihrer Stiefmutter und weil sie voller Gold war, wurde sie von Mutter und Schwester freundlich aufgenommen.

Das Mädchen erzählte, was es erlebt hatte, und als die Stiefmutter hörte, wie es zu dem Reichtum gekommen war, wollte sie der anderen, hässlichen und faulen Tochter dasselbe Glück verschaffen.

Auch sie musste sich an den Brunnen setzen und spinnen, damit ihre Spule blutig werden sollte. Doch als es ihr zu lange dauerte, da stach sie sich selbst in den Finger, warf die Spule in den Brunnen und sprang hinterher. Auch sie erwachte auf der schönen Wiese, ging denselben Weg und kam an den Backofen. Und wieder schrien die Brote: „„Zieh uns heraus, zieh uns heraus, sonst verbrennen wir.

Wir sind schon längst ausgebacken!“

Das faule Mädchen rief: „Nein! Ich habe keine Lust, mich schmutzig zu machen“ und ging weiter.

Bald erreichte sie den Apfelbaum, der rief: „Ach, schüttele mich, schüttele mich, meine Äpfel sind allesamt reif!“

Sie aber antwortete nur: „Was fällt dir ein? Da könnte mir ja einer auf den Kopf fallen!“, und ging weiter.

Als sie endlich zum Haus der Frau Holle kam, da fürchtete sie sich nicht, weil sie schon von deren großen Zähnen gehört hatte, sondern bot sofort ihre Dienste an.

Am ersten Tag überwand sie sich, war fleißig und tat, was Frau Holle ihr sagte, denn sie dachte an das schöne Gold, dass sie geschenkt bekommen würde.

Doch am zweiten Tag begann sie zu faulenzen, und am dritten Tag wollte sie am Morgen schon gar nicht mehr aufstehen. Sie machte auch Frau Holles Bett nicht mehr so, wie es verlangt worden war und deshalb schneite es auf der Welt nicht.

Dieses Benehmen war Frau Holle bald leid und sie kündigte dem Mädchen den Dienst auf. Die Faule war sehr zufrieden damit, denn sie glaubte, nun würde der Goldregen kommen.

Frau Holle führte sie auch zu dem Tor, doch als sie darunter stand, wurde statt des Goldes ein großer Kessel Pech über sie ausgeschüttet.

„Das ist die Belohnung deiner Dienste“, sagte die Frau Holle und schloss das Tor zu.


So kam die Faule heim, aber sie war über und über mit Pech bedeckt und der Hahn auf dem, als er sie sah, rief:


„Kikeriki,

unsere schmutzige Jungfrau ist wieder hie‘!“

Das Pech aber blieb fest an ihr hängen und wollte, solange sie lebte, nicht von ihr abgehen.

Frau Holle - nach dem Märchen der Gebrüder Grimm erzählt von Diana Johanns


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