Auflösung zum 7. Märchenrätsel

Es war einmal mitten im Winter und die Schneeflocken fielen wie Federn vom Himmel herab. Da saß eine Königin an einem Fenster, das einen Rahmen von schwarzem Ebenholz hatte, und nähte. Und wie sie so nähte und hinaus auf den Schnee blickte, da stach sie sich mit der Nadel in den Finger, und es fielen drei Tropfen Blut in den Schnee. Und weil das rote Blut im weißen Schnee so schön aussah, dachte sie bei sich: „Ach hätte ich doch ein Kind, so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie das Holz an dem Rahmen!“

Bald darauf bekam sie ein Töchterlein, das war so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarzhaarig wie Ebenholz und wurde darum Schneewittchen genannt. Doch die gute Königin starb bei der Geburt, und schon nach einem Jahr heiratete der König wieder. Die neue Königin war eine schöne Frau, aber sie war auch eitel und kaltherzig und sie hasste es, wenn jemand schöner war als sie selbst. Sie besass einen wundersamen Spiegel; wenn sie vor den trat und fragte:

„Spieglein, Spieglein an der Wand,

wer ist die Schönste im ganzen Land?“,

so antwortete der Spiegel:

„Frau Königin, Ihr seid die Schönste im Land!“

Damit war sie zufrieden, denn sie wusste, dass der Spiegel immer die Wahrheit sagte. Schneewittchen aber wuchs heran und wurde immer schöner, und als das Mädchen siebzehn Jahre alt war, war sie so schön wie der klare Tag und auch schöner als die Königin. Und als diese wieder ihren Spiegel fragte:

„Spieglein, Spieglein an der Wand,

wer ist die Schönste im ganzen Land?“,

da antwortete er:

„Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier,

aber Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr!“ Da erschrak die Königin und wurde gelb und grün vor Neid. Von dieser Stunde an hasste sie ihre Stieftochter.


Und der Hass wuchs wie ein Unkraut in ihrem Herzen immer höher, bis sie schließlich eines Tages einen Jäger zu sich rief und sprach: „Bringe das Mädchen hinaus in den Wald, ich will es nicht mehr sehen. Töte es und bringe mir Lunge und Leber als Beweis für ihren Tod.“

Der Jäger gehorchte und führte Schneewittchen hinaus in den Wald, doch als er sein Messer gezogen hatte und Schneewittchen damit erstechen wollte, fing sie an zu weinen und flehte: „Ach, lieber Jäger, lasse mir mein Leben! Ich will in den tiefen Wald laufen und nie wieder zurückkommen.“

Da hatte der Jäger Mitleid mit ihr und sprach: „So laufe und verstecke dich, du armes Mädchen!“

Er fing ein junges Wildschwein und brachte der bösen Königin dessen Lunge und Leber.

Das arme Mädchen aber lief mutterseelenallein durch den großen Wald, und es hatte furchtbare Angst. Es lief und lief, bis ihm seine Füße weh taten und es finster wurde.


Da sah es ein kleines Häuschen und ging hinein, um sich auszuruhen. In dem Häuschen war alles klein, zierlich und reinlich.

In der Mitte des Raumes stand ein weißgedeckter Tisch, der war mit sieben kleinen Tellern gedeckt. Neben jedem Tellerlein lagen ein Löffelchen, ein Messerlein und ein Gäbelchen, daneben stand jeweils ein Becherchen. An der Wand entlang waren sieben Bettlein nebeneinander aufgestellt, mit kleinen Kissen und Decken.

Schneewittchen war sehr hungrig und durstig. Deshalb aß es von jedem Tellerlein ein wenig Gemüse und Brot und trank aus jedem Becherlein einen kleinen Schluck Wein. Nach dem Essen merkte sie, wie müde sie war, legte sich in eines der Bettchen und schlief ein.


Als es ganz dunkel geworden war, kamen die Zwerge, denen das Häuslein gehörte, nach Hause. Den ganzen Tag hatten sie in den Bergen nach Erz gehackt und gegraben.

Sie zündeten ihre sieben Lichtlein an, und als es nun hell im Häuslein war, sahen sie, dass jemand darin gewesen sein musste, denn es war nicht alles so, wie sie es verlassen hatten. Der erste Zwerg fragte: „Wer hat auf meinem Stühlchen gesessen?“

Der Zweite fragte: „Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?“

Der dritte Zwerg fragte: „Wer hat von meinem Brötchen genommen?“

Der Vierte fragte: „Wer hat von meinem Gemüse gegessen?“

Der Fünfte: „Wer hat mein Gäbelchen benutzt?“

Der sechste Zwerg fragte: „Wer hat mit meinem Messerchen geschnitten?“

Und schließlich fragte der siebente Zwerg: „Und wer hat aus meinem Becherlein getrunken?“ Dann sah sich der erste Zwerg um und rief erstaunt: „Jemand schläft in meinem Bettchen!“

Die anderen Zwerge kamen gelaufen und riefen erfreut: „Oh, welch ein schönes Mädchen! Wer ist sie?“ Schneewittchen erwachte, und als sie die sieben Zwerge sah, erschrak sie.

Die Zwerge aber waren freundlich und fragten: „Wie heißt du?“

„Ich heiße Schneewittchen“, antwortete sie.

„Wie bist du in unser Haus gekommen?“, fragten die Zwerge weiter.

Da erzählte Schneewittchen ihnen, dass ihre Stiefmutter sie hätte umbringen lassen wollen, doch der Jäger habe Mitleid mit ihr gehabt und hätte sie laufen lassen, und da wäre sie so lange gelaufen, bis sie zu dem Zwergenhaus gekommen sei, wo sie Unterschlupf gesucht habe.

Die Zwerge sprachen: »Wenn du uns den Haushalt machen würdest, also putzen, kochen, waschen, nähen und stricken, dann könntest du bei uns bleiben, und es würde dir an nichts fehlen.“

„Von Herzen gern!“, erwiderte Schneewittchen und blieb bei ihnen.

Jeden Morgens gingen die Zwerge in die Berge und suchten Erz und Gold, und erst am Abend kamen sie wieder zurück. Da das Mädchen nun den ganzen Tag über allein im Haus war, warnten sie die guten Zwerge und rieten: „Hüte dich vor deiner Stiefmutter, die wird bald wissen, dass du am Leben und hier bist! Darum lasse niemanden herein!“


Im fernen Schloss aber trat die Königin, die meinte, Schneewittchen sei längst tot und sie selbst wäre wieder die Allerschönste, vor ihren Spiegel und fragte:

„Spieglein, Spieglein an der Wand,

wer ist die Schönste im ganzen Land?“

Da antwortete der Spiegel:

„Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier!

Aber Schneewittchen über den Bergen,

bei den sieben Zwergen,

ist noch tausendmal schöner als Ihr.“

Da erschrak sie, denn sie wusste, dass Schneewittchen noch am Leben war, weil der Spiegel niemals log.

Und wieder überlegte sie, wie sie Schneewittchen umbringen könne, damit sie selbst wieder die Schönste im ganzen Land sein würde.

Sie färbte sich das Gesicht und kleidete sich wie eine alte Krämerin, so dass niemand sie mehr erkennen konnte. In dieser Verkleidung ging sie über die sieben Berge zu den sieben Zwergen, klopfte an die Tür und rief: „Schöne Ware zu verkaufen! Schöne Ware zu verkaufen!“

Schneewittchen schaute aus dem Fenster und erkundigte sich freundlich: „Guten Tag, liebe Frau! Was habt Ihr zu verkaufen?“

„Gute Ware“, antwortete die verkleidete Königin, „Schnürriemen in allen Farben“, und holte einen hervor, der aus bunter Seide geflochten war.

‚Die ehrliche Frau kann ich hereinlassen‘, dachte Schneewittchen, riegelte die Tür auf und kaufte sich den hübschen Schnürriemen.

„Kind“, sprach die verkleidete Königin tückisch, „wie du aussiehst! Komm, ich will dich einmal ordentlich schnüren.“

Arglos stellte sich Schneewittchen vor sie und ließ sich mit dem neuen Schnürriemen schnüren. Die verkleidete Königin schnürte geschwind und schnürte so fest, dass Schneewittchen der Atem verging und sie wie tot zu Boden fiel.

„Nun bist du die Schönste gewesen!“, lachte die Königin und eilte davon.

Nicht lange darauf, zur Abendzeit, kamen die sieben Zwerge nach Hause. Wie erschraken sie, als sie ihr liebes Schneewittchen auf der Erde liegen sahen, und sie regte und bewegte sich nicht. Sie hoben sie in die Höhe, und weil sie sahen, dass das Kleid zu fest geschnürt war, schnitten sie den Schnürriemen entzwei. Da atmete Schneewittchen wieder und erwachte. Als die Zwerge hörten, was geschehen war, riefen sie: „Die alte Krämersfrau war niemand anderes als die Königin. Hüte dich und lasse keinen Menschen herein, wenn wir nicht bei dir sind!“


Die böse Königin aber, als sie nach Haus gekommen war, stellte sich vor den Spiegel und fragte:

„Spieglein, Spieglein an der Wand,

wer ist die Schönste im ganzen Land?»

Da antwortete er wieder:

„Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier!

Aber Schneewittchen über den Bergen,

bei den sieben Zwergen,

ist noch tausendmal schöner als Ihr.“

Als sie das hörte, wusste sie, dass Schneewittchen noch am Leben war und wurde sehr zornig.

„Dieses Mal“, raunte sie düster, „werde ich mir etwas ausdenken, das dich zugrunde richten soll“, und weil sie sich auf Hexenkünste verstand, fertigte sie einen giftigen Kamm. Dann verkleidete sie sich und sah wie eine alte Bauersfrau aus. So ging sie über die sieben Berge zu den sieben Zwergen, klopfte an die Tür und rief: „Schöne Ware zu verkaufen! Schöne Ware zu verkaufen!“

Schneewittchen schaute heraus und bat: »Geht nur weiter, ich darf niemand hereinlassen!“ „Aber das Anschauen wird dir doch erlaubt sein“, lockte die Alte, zog den giftigen Kamm heraus und hielt ihn in die Höhe. Der Kamm gefiel Schneewittchen so gut, dass sie nachgab und die Tür öffnete.

Als die beiden sich über die Kaufsumme einig waren, sprach die Alte: „Nun will ich dich einmal ordentlich kämmen.“

Das arme Schneewittchen dachte an nichts Böses, ließ die Alte gewähren, aber kaum hatte diese dem Mädchen den Kamm in die Haare gesteckt, begann das Gift zu wirken und das Mädchen sank ohne Besinnung zu Boden.

„Tja, du Ausbund von Schönheit“, höhnte die verkleidete Königin, „jetzt ist es um dich geschehen“, und eilte fort. Zum Glück aber wurde es bald Abend und die sieben Zwerge kamen nach Hause. Als sie Schneewittchen wie tot auf der Erde liegen sahen, hatten sie gleich die Stiefmutter in Verdacht, suchten und fanden den giftigen Kamm im Haar des Mädchens. Und kaum hatten sie ihn herausgezogen, da kam Schneewittchen wieder zu sich und erzählte, was passiert war. Da warnten die Zwerge sie noch einmal, auf der Hut zu sein und niemanden die Tür zu öffnen.


Die Königin aber stellte sich daheim vor den Spiegel und fragte:

„Spieglein, Spieglein an der Wand,

wer ist die Schönste im ganzen Land?»

Da antwortete er wieder:

„Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier!

Aber Schneewittchen über den Bergen,

bei den sieben Zwergen,

ist noch tausendmal schöner als Ihr.“

Als sie das hörte, zitterte und bebte sie vor Zorn.

„Schneewittchen soll sterben“, rief sie, „und wenn es mein eigenes Leben kostet!“

Sie ging in eine verborgene, einsame Kammer des Schlosses, wo niemand hinkam, und erschuf da einen giftigen Apfel. Äußerlich sah er schön aus, weiß mit roten Backen, so dass jeder, der ihn erblickte, Appetit bekam, wer aber ein Stückchen davon abbiss, der musste sterben.

Als der Apfel fertig war, färbte sie sich das Gesicht und verkleidete sich wie eine Bauersfrau, und so ging sie über die sieben Berge zu den sieben Zwergen. Sie klopfte an. Schneewittchen streckte den Kopf zum Fenster heraus und sprach: „Ich darf keinen Menschen einlassen, die sieben Zwerge haben es mir verboten!“

„Das ist mir auch recht“, antwortete die die verkleidete Königin, „meine Äpfel werde ich schon loswerden. Aber bitte, einen will ich dir schenken.“

„Nein“, erwiderte Schneewittchen, „ich darf nichts annehmen!“

„Fürchtest du dich vor Gift?“ lachte die Königin, „Sieh her, ich schneide den Apfel in zwei Teile; den roten Teil bekommst du, den weißen will ich essen!“

Der Apfel war aber so gemacht, dass nur der rote Teil vergiftet war. Schneewittchen verspürte einen riesigen Appetit auf den schönen Apfel, und als sie sah, dass die Bäuerin auch davon aß, da konnte sie nicht länger widerstehen, streckte die Hand aus und nahm die giftige Hälfte. Kaum aber hatte sie einen Bissen davon im Mund, da fiel sie tot um.

Die Königin betrachtete sie ohne Mitleid, lachte überlaut und sprach: „Weiß wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz! Diesmal können dich die Zwerge nicht wieder erwecken.“ Und als sie daheim den Spiegel befragte:

„Spieglein, Spieglein an der Wand,

wer ist die Schönste im ganzen Land?“,

so antwortete er endlich:

»Frau Königin, Ihr seid die Schönste im Land!"

Da hatte ihr neidisches Herz Ruhe, so gut ein neidisches Herz Ruhe haben kann.

Am Abend fanden die Zwerge Schneewittchen tot auf der Erde liegen. Sie richteten sie auf, ob sie etwas Giftiges fänden, öffneten ihr das Kleid, kämmten ihre Haare, wuschen sie mit Wasser und Wein, aber es half alles nichts; Schneewittchen war tot und blieb tot. Sie legten sie auf eine Bahre und weinten drei Tage lang.


Als sie Schneewittchen schließlich begraben wollten, sah sie aber noch so frisch aus wie ein lebender Mensch und hatte noch ihre schönen, roten Wangen.

Da dachten die Zwerge: „Wir können Schneewittchen nicht in die schwarze Erde versenken“, und ließen einen durchsichtigen Sarg von Glas anfertigen, so dass man das Mädchen von allen Seiten sehen konnte, legten sie hinein und schrieben mit goldenen Buchstaben ihren Namen darauf und dass sie eine Königstochter gewesen war. Dann trugen sie den Sarg hinaus auf den Berg, und einer von ihnen blieb immer da und bewachte ihn.

Schneewittchen lag lange, lange Zeit in dem Sarg und sah aus, als schliefe sie, denn sie war noch so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarzhaarig wie Ebenholz.


Eines Tages geriet ein Königssohn in den Wald, verirrte sich und kam zu dem Zwergenhaus. Er sah oben auf dem Berg den Sarg mit dem schönen Schneewittchen darin und las, was mit goldenen Buchstaben darauf geschrieben war.

Da bat er die Zwerge: „Lasst mir den Sarg, ich will euch alles geben, was ihr dafür haben wollt!“

Die Zwerge aber antworteten: „Wir geben ihn nicht her, auch nicht für alles Gold in der Welt.“ Der Königssohn bat weiter: „So schenkt ihn mir, denn ich kann nicht leben, ohne Schneewittchen zu betrachten! Ich will sie ehren und hochachten wie mein Liebstes.“

Wie er so sprach, empfanden die guten Zwerge Mitleid mit ihm und schenkten ihm den Sarg. Der Königssohn ließ ihn von seinen Dienern auf den Schultern forttragen. Da geschah es, dass einer der Diener über einen Strauch stolperte und durch das Schütteln löste sich das giftige Apfelstück aus Schneewittchens Hals. Und nicht lange, da öffnete sie die Augen, hob den Deckel vom Sarg in die Höhe, richtete sich auf und war wieder lebendig.

„Wo bin ich?“, fragte sie.

Der Königssohn rief voller Freude: „Du bist bei mir!“, und erzählte, was sich zugetragen hatte. Dann sprach er: „Ich habe dich lieber als alles auf der Welt; komm mit mir in Schloss, du sollst meine Frau werden.“

Schneewittchen willigte von Herzen gerne ein und ging mit ihm, und ihre Hochzeit wurde in großer Pracht und Herrlichkeit und mit allen sieben Zwergen gefeiert.

Schneewittchen - nach dem Märchen der Gebrüder Grimm erzählt von Diana Johanns